Nach dem Schattenfall – Eine Story von Michael Marrak


Nun, wie soll ich Euch die Gedankenbank beschreiben?
Als einen Ort des mentalen Aderlasses? Als einen Ort der Entmenschlichung? Als Schlachtbank der Reminiszenz?
Letzteres liegt der Wahrheit zweifellos am nächsten, obwohl dem Protektorat zufolge nie Blut fließt.

Für jeden, der erstmals freiwillig in einem Kollektor liegt, ist der Prozess eine Grenzerfahrung. Für jene, die Gedankenschulden zu tilgen haben oder gar »mit technischer Unterstützung« in die Tanks verbracht werden, ist es eine Horrortortur.

Wozu die Schatten unsere Erinnerungen brauchen, weiß ich nicht. Vielleicht pflegen sie irgendwo im Verborgenen ein Archiv unseres kollektiven Bewusstseins, dessen Studium es ihnen erlaubt, menschlicher zu wirken. Vielleicht bereitet es ihnen aber auch einfach nur Freude, uns in den Tanks beim Dahinsiechen zuzusehen. Misanthropie muss nicht unbedingt eine exklusive Errungenschaft unserer Welt sein.

Die Bank der Stadt, in der ich lebe, ist ein finsterer Monolith, dessen Fassade nur von einem einzigen großen, zentralen Fenster aufgebrochen wird. Der Raum hinter diesem architektonischen Zyklopenauge liegt immer im Dunkeln. Während ich auf der Straße in der Menschenschlange stehe und darauf warte, eingelassen zu werden, bilde ich mir oft ein, Silhouetten hinter der Scheibe wahrzunehmen. Schatten, die auf uns herabblicken, sich an unserem Anblick ergötzen und sich über unsere Schicksalsergebenheit lustig machen. In Wirklichkeit kann man hinter der Scheibe überhaupt nichts erkennen, weil sie so schwarz ist wie die Nacht.

Die Fassade des Gebäudes ist nahezu makellos, ohne Risse, Löcher oder Ruß. Die wenigen Narben in seinen Außenmauern zeugen von Protestaktionen und kleineren Aufständen. Die Regenten bezeichnen den finsteren Monolithen verklärend als »Haus der Ernte«. Ich nenne es »Seelenfresserin«.

Es gibt zwei offizielle Eingänge: Einen für sogenannte Wohltäter, also jene, die keine Schulden haben und die Bank aus freien Stücken besuchen, um ihre Gedanken gegen Essensmarken oder Privilegien einzutauschen. Der zweite Eingang, vor dem in der Regel eine wesentlich längere Menschenschlange wartet, ist für die Debitoren. Jene, die sich etwas zu Schulden kommen ließen und zu Tages- oder gar Wochensätzen verurteilt wurden.

Gedankenschulden zu machen oder gar anzuhäufen, ist die einfachste Sache der Welt. Es genügt ein falscher Blick, eine falsche Handlung, ein falsches Wort. Eine Verurteilung durch ein Gericht gibt es nicht. Jeder Paladin, jeder Büttel und jeder Drom-Knecht ist Kläger und Richter zugleich. Es…